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Zenturios Schädel

in News-Ticker 22.09.2011 16:39
von Natty • 61 Beiträge

Zenturios Schädel


Die Kelten ehrten die Köpfe ihrer Ahnen, die ihrer Feinde dienten ihnen als Trophäen: Neue Funde in der Eifel

Die Zeit drängte. Die Arbeiter wollten weitergraben und wertvollen Bimsstein aus dem Untergrund fördern. Also schulterte Axel von Berg sein Werkzeug und fuhr zur Abbauregion Kobern-Gondorf. Im porösen glasigen Vulkangestein der Osteifel hatten die Baggerführer die Überreste einer alten Siedlung freigelegt. Von Berg machte sich mit seinem leichten Gerät an die Arbeit. Schon bald stieß der Archäologe auf ein auffälliges Objekt. Ein knochiges Gebilde kam zum Vorschein, mit schwerem Kies gefüllt, ein uralter Schädel. Und mitten durch die Kalotte hatte man einen massiven Eisennagel getrieben. Dem Wissenschaftler dämmerte sogleich, was für ein Fundstück er in den Händen hielt: eine Schädeltrophäe aus keltischer Zeit.

Es war nicht der erste eisenzeitliche Knochen, den von Berg, Chef der Koblenzer Landesarchäologie, eigenhändig aus dem Untergrund geborgen hatte. 42 Schädel »im Keltenkontext« zählt seine Sammlung mittlerweile – viele davon mit auffälligen Löchern drin. Die Spuren an deren Rändern verraten, dass die Öffnungen in den Schädeldecken nicht zufällig bei einem Unfall oder im Gemetzel einer Schlacht zustande kamen. Mit roher Gewalt zwar, doch erst post mortem wurden sie in die uralten Crania gehämmert. Das Koblenzer Denkmalamt besitzt nicht nur die umfangreichste Sammlung gelochter Keltenschädel, sondern mit dem genagelten Haupt auch den einzigen deutschen Fund, in dem noch immer das rostige Eisen steckt. Von Bergs bizarre Kollektion belegt, dass im Siedlungsgebiet der eisenzeitlichen Hunsrück-Eifel-Kultur die Knochen von Ahnen und Opfern besondere Wertschätzung genossen haben.

Die archäologischen Preziosen, ab Oktober erstmals in der Ausstellung Schädelkult in Mannheim zu sehen, sind Zeugen einer besonders morbiden Gepflogenheit vor Christi Geburt. Der antike griechische Chronist Diodor beschrieb in seinem fünften Buch den Schädelkult, dem die keltischen Stämme huldigten: »Den gefallenen Feinden schlagen sie die Köpfe ab und hängen diese ihren Pferden an den Hals. Diese Kriegsbeute nageln sie dann an die Eingänge ihrer Häuser an, gerade so, als ob sie auf der Jagd Wild erlegt hätten. Die Köpfe der vornehmsten Krieger balsamieren sie ein und bewahren sie sorgfältig in einer Truhe auf.«


Da die Gegend um das heutige Koblenz zur Eisenzeit zu den dicht besiedelten Gebieten gehörte, war und ist das Schädelvorkommen hier besonders groß. Eine Art »Silicon Valley für Headhunter« sei die Region damals gewesen, sagt von Berg, ein Mann von hünenhafter Statur: »Nirgendwo war es leichter, seinen Kopf zu verlieren.« Doch der Archäologe will nicht ernsthaft das alte Klischee von den Kelten als skrupellose Kopfjäger bemühen. Im Gegenteil: Wie andere Forscher zeichnet auch er ein neues, friedlicheres Bild der angeblichen Wilden. Die makaberen Überbleibsel, von denen sich Jahr für Jahr mehr in den Koblenzer Amtsstuben stapeln, verweisen zwar auf einen gewöhnungsbedürftigen Umgang mit Knochenmaterial – nicht aber zwingend darauf, dass die Akteure blutrünstige Schlächter gewesen wären.

Ihre Vorform des Jolly-Roger-Kults pflegten die Kelten im Rheinland fast ein Jahrtausend. Während dieser Zeit veränderte sich der Brauch deutlich, hat von Berg festgestellt. Vom Beginn, in der Eisenzeit im 8. und 7. Jahrhundert vor Christus, zeugen rundlich zugeschliffene und gelochte Schädelfragmente. Sie wurden womöglich als Amulett getragen – Hinweise darauf, wem die Knochenstücke zu Lebzeiten gehört haben, gibt es nicht.

Spätere Funde erlauben immerhin eine gewisse Zuordnung. In Wolken, unweit von Koblenz, wurde von Berg eines fast vollständigen Schädels aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert habhaft. Er stammt, wie fast alle knöchernen Kultobjekte aus dieser Phase, von älteren Individuen. An die Überreste wurde erst Hand angelegt, nachdem das verweste Fleisch den Knochen freigegeben hatte. Der Koblenzer Schädelsammler interpretiert die Stücke aus jener zweiten Phase daher als Zeugnisse eines Ahnen- und Reliquienkults. Es waren folglich die eigenen Verwandten, die zur Ehrerbietung dekorativ an Hausfassaden, Türbalken und an den Wänden der Wohnstuben befestigt wurden – meistens, indem die Hausherren einen handelsüblichen Nagel (den sie auch zum Hausbau verwendeten) durch die Schädeldecken ihrer Liebsten trieben. Auch diese Funde sind also keine Indizien für einen verbrecherischen Kontext.

Schließlich aber entwickelte das Urvolk aus seiner Ahnenverehrung eine weitere Spielart von Schädelbesessenheit, den Trophäenkult. In den letzten Jahrhunderten ihrer Hochblüte, vor und nach der christlichen Zeitenwende, schmückten die Kelten ihr Heim mit den abgetrennten Häuptern besiegter Feinde. Es waren nicht mehr Alte, deren Hirnschalen durchbohrt am Hausbalken hingen, sondern die Beuteköpfe von jungen, kriegstauglichen Männern. Nach der Präsentation landeten die Objekte meist in Gruben auf dem Hofareal.

Der fast komplette Schädel aus dem Bimsstein von Kobern-Gondorf scheint aufgrund des Schädelalters eine solche Trophäe gewesen zu sein. Doch der Knochen des jungen Mannes erzählt eine noch ausführlichere Geschichte. Aufgrund der auffallend runden Form der Schädeldecke vermutete von Berg, kaum hatte er das Teil dem Untergrund entrissen, einen Migrationshintergrund: »Ein mediterraner Typ.« Die darauf folgende Altersbestimmung anhand von Keramikresten und Münzen passte zu dieser These. Die vorchristlichen Groschen aus Eisen und der Kupferlegierung Potin stammten exakt aus einer Zeit, in der sich Südländer im Keltenland herumtrieben.

Diese Ereignisse haben sogar literarischen Niederschlag gefunden: in Gaius Iulius Caesars De bello Gallico. 53 vor Christus nämlich überquerte der römische Imperator unweit der Fundstelle den Rhein. Damals, so vermutet von Berg, muss dieser Schädel aus dem Mittelmeerraum den Kelten in die Hände gefallen sein.

Der geschichtliche Hintergrund: Von 58 bis 49 vor Christus hielten sich römische Soldaten zwecks Keltenknechtung in Gallien auf. Um eine Strafexpedition gegen rechtsrheinische Stämme durchzuführen (die mit ihren Hilfstruppen den Treverern in Nordostgallien Support gegen Caesar gewährt hatten), mussten Legionärstruppen den Rhein überqueren. Zu diesem Zweck bauten sie in den Jahren 55 und 53 vor Christus in der Nähe von Koblenz zwei Rheinbrücken. Bevor sie auf den hölzernen Bauwerken über den Strom vorstießen, gelangten sie ganz in die Nähe des Gehöfts, in dessen Trümmern zwei Millennien später Axel von Berg auf den genagelten Schädel stoßen sollte. »Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es zu dieser Zeit Kampfhandlungen zwischen Römern und Kelten gab«, mutmaßt der Archäologe, »vielleicht ist die gefundene Kopftrophäe der Schädel eines römischen Legionärs – oder gar Zenturios.« Dafür spricht, dass dem Objekt größere Aufmerksamkeit zuteil wurde. »Ob dies aber wirklich der Kopf eines Römers ist, bleibt letztlich offen«, sagt von Berg. Doch immerhin – es handelt sich um den ersten Fund aus dem keltischen Schädelkult, dem nicht nur eine Volkszugehörigkeit, sondern auch ein historisches Ereignis zugeordnet werden könnte.

Um die Trophäe aus dem mutmaßlichen Scharmützel mit Caesars Truppen noch akribischer zu ergründen, arbeitete der Landesarchäologe mit den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen und der Universität Freiburg zusammen. Die Wissenschaftler erstellten eine dreidimensionale Kopie des Knochens (siehe Kasten). Das ermöglichte den Forschern den ungehinderten Blick von innen auf die Lochung im Schädel: Der Nagel, sagt von Berg, wurde »zügig durchgetrieben«, so weit, dass auf der Unterseite ein langes Stück von der Spitze herausragte. Diese Spitze, ist der Archäologe überzeugt, steckte einst in einem keltischen Türbalken.

Zu den Hintergründen ihres Gebarens gibt es keine schriftlichen Überlieferungen, die die Kelten selbst niedergeschrieben hätten. Schrift verwendeten sie zwar im Alltag für Wirtschaft und Verwaltung, die Inhalte ihrer Religionsgeschichte, ihrer Mythologie, ihrer Heldensagen dagegen muss die Nachwelt aus Schmuckstücken, Verzierungen auf Kesseln und aus den Kolportagen antiker Autoren herauszulesen versuchen. Die Schilderungen des Schädelkults stammen aus den Federn der damaligen Gegner. Glaubt man den römischen Historikern, waren ihre barbarischen Feinde blutrünstige Kopfjäger, die beim kultischen Opfern nicht vor der Hinrichtung menschlicher Wesen halt machten.

Viele grausige Funde schienen das Bild von den mordlustigen Barbaren zu bestätigen. Im französischen Ribemont-sur-Ancre fanden sich die Gebeine unzähliger Geköpfter. Sie galten lange als Beleg für die von Caesar und Tacitus farbenfroh geschilderten Menschenopfer- und Hinrichtungsorgien, denen die keltischen Nachbarn gehuldigt haben sollen. Doch Forscher wie die Leipziger Ur- und Frühgeschichtlerin Sabine Rieckhoff widersetzen sich dieser »Barbarenthese« und interpretieren die Schauplätze als Bestattungsorte. Die Aufbewahrung, die Zerstückelung von Leichen, die Verbrennung und Entsorgung von Knochen, all das »lässt sich auch bei ganz regulären keltischen Bestattungen nachweisen«, sagt Rieckhoff.

Sie hat einen langen Katalog von Vorurteilen und Klischees aufgestellt, der darlegt, wie sich seit Jahrtausenden jede Epoche ihr eigenes, meist schiefes Bild von den Kelten gemacht hat. So hatten griechische und römische Feldherren ihre Siege größer erscheinen lassen, indem sie ein Feindbild von tollkühnen und grausamen Barbaren zeichneten. Später schuf die französische Aufklärung den Mythos vom freiheitsliebenden gallischen Vorfahren – als Widerpart zum absolutistischen Ancien Régime. Die englische Romantik wiederum machte aus den keltischen Druiden Britanniens Urchristen. Und die irischen Nationalisten benutzten die angeblich heldenhaften Ureinwohner als Ikonen des Protests gegen die Herrschaft der Engländer.

Die glaubwürdigste Imageauffrischung lieferten die Archäologen. Das prachtvolle Begräbnis einer 35 Jahre alten Fürstin am französischen Mont Lassois, die aufwendige Goldschmiedekunst, die dem Fürsten von Hochdorf ins Grab mitgegeben wurde, oder die Größe der Keltenmetropole Manching, die eine der ersten Städte Mitteleuropas war: Sie zeugen von einer imposanten Hochkultur, die derjenigen ihrer römischen Zeitgenossen in nichts nachstand. »›Fremd‹ und ›barbarisch‹«, sagt Susanne Eichhof, »verhielten sich Griechen und Römer nicht weniger – man denke nur an die römische Eroberungspolitik und die Gladiatorenspiele.« Außerdem erinnert sie daran, dass der Schädelkult kein Alleinstellungsmerkmal der Kelten war: »Die haben ihn nicht erfunden.«

Dies kann Wilfried Rosendahl von den Reiss-Engelhorn-Museen bezeugen. Der Chef des German Mummy Project zeigt den genagelten Keltenschädel in seiner Mannheimer Schädelschau nebst dreihundert weiteren Funden, die belegen, wie fasziniert sich die Menschheit seit je mit diesem Knochenmaterial auseinandergesetzt hat. Die auf antiken Höfen gefundenen Köpfe kündeten mitnichten von keltischer Mordlust, sagt Rosendahl, sondern davon, »dass die Schädel unserer Artgenossen zu den faszinierendsten Accessoires überhaupt gehören«. Seit Jahrtausenden erfüllen sie in unterschiedlichsten kulturellen Kontexten ihre Aufgaben, sagt Rosendahl. »Sie dienten als Mahnmal der Vergänglichkeit, als religiöse Reliquien oder als auffällige, modische Tupfer, die den Betrachter in ihren Bann ziehen.«

Womit die frühen Bewohner der Gegend um Eifel, Hunsrück, Taunus und Westerwald ihre Pferde und Liegenschaften schmückten, waren Objekte, die als Rohstoff überall anfielen. Wo als Folge von Alter, Krankheit oder Krieg gestorben wurde, gab es Knochenmaterial. Die frühen Anrainer an Rhein und Mosel konnten sich dem ästhetischen Reiz dieser menschlichen Hinterlassenschaften genauso wenig entziehen wie schon die steinzeitlichen Insulaner Britanniens Jahrtausende vorher. Das Londoner Natural History Museum entdeckte kürzlich, dass Urbriten vor 14.700 Jahren die Schädel ihrer Artgenossen recycelt und einem äußerst weltlichen Zweck zugeführt hatten: Sie tranken daraus.


Genauso arglos wie die frühen Schädelzecher stellt zeitgenössisches Volk knöcherne Accessoires zur Schau. Der Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards führt schmucke, schädelverzierte Ringe spazieren. Die Fans des FC St. Pauli schwenken im Stadion zu Hunderten Fahnen mit dem Jolly Roger drauf. »Schädel sind nun einmal ganz besondere Objekte«, sagt Archäologe Rosendahl, »im Kopf wird schließlich gedacht, gelacht, geträumt, geliebt – und dort verliert man auch sein Gleichgewicht.«

Seit der Mensch eine Vorstellung davon hat, was darin abläuft, gilt der Kopf als etwas Besonderes. Die Steuerzentrale eines anderen zu präsentieren war daher schon früh ein Ausdruck von Überlegenheit. Wollte der Kelte Haus, Hof oder Pferdesattel aufhübschen, wählte er – wie der moderne Gruftie von heute – Gegenstände von imaginärer Kraft. Er suchte nach einem Nagel und lochte ein Schädelchen.

Die Ausstellung »Schädelkult« ist vom 2. 10. 2011 bis 29. 4. 2012 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zu sehen (Di–So, 11–18 Uhr).


Quelle: www.zeit.de

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