#1

Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 04.08.2010 15:26
von Ein Gast
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Hallo liebe Archäologen.

Bin eher zufällig auf eure Seite gestossen und muss sagen, das sie mir recht gut gefällt.

Und da in einer Antwort auf die Nachricht von Lucretia jemand geschrieben hat, das man sich hier nicht blamieren kann, wenn
man eine vielleicht dumme Frage stellt, frage ich jetzt einfach mal.
Woran kann man eigentlich erkennen, ob eine Tonscherbe ziemlich alt ist. Wodurch unterscheiden sich alte Scherben von neueren'? Kann man das überhaupt feststellen, wenn man eine Scherbe betrachtert,?

Hier bei uns am Dorf ( in der Nähe von Hannover) gibt es eine Wiese, auf der ich schon manchmal rote Tonscherben gesehen habe, wenn ich mit dem Hund unterwegs war. Deshalb meine Frage.

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Ein Gast namens Bernd
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#2

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 04.08.2010 17:08
von gaggii • Administratorin | 162 Beiträge

Hallo Bernd,

es freut mich, dass Du den Mut gefunden hast, Deine Frage zu stellen.

Im Grunde lassen sich alte Tonscherben von neuen recht gut unterscheiden. In der Regel weisen neuere Tonscherben meist eine Glasur auf, die bei den prähistorischen Scherben nicht zu finden ist.
Sehr viele Scherben, die auf Äckern oder auch auf Wiesen gefunden werden, sind oftmals prähistorisch. Die Farbe der Scherben ergibt sich aus dem Brennvorgang, mit dem die Keramikgefäße hergestellt wurden. Durch verschiedene Brennverfahren oder Brenntemperaturen ergibt sich ein anderes Farbbild.
Zeigen die Scherben, die Du gefunden hast ein sehr intensives, leuchtendes Rot, kannst Du eigentlich davon ausgehen, dass sie neueren Datums sind.
Ist die rötliche Farbe hingegen schwach und wirkt verblichen, kann man eigentlich von einer sehr alten Scherbe ausgehen.


Ein weiteres Merkmal können Verzierungen sein, die sich auf den Scherben finden und die Hinweise auf die Kultur geben können, die diese Keramik angefertigt haben. Häufig jedoch finden sich Scherben ohne Verzierung, was eine Zuordnung sehr erschwert.
Zu diesen Verzierungen können einfache Ritzlinien gehören, ebenso wie komplizierte geometrische Muster.

Je nachdem wie groß die gefundene Scherbe ist, kann man auch Rückschlüsse auf die Form des Gefäßes ziehen. Prähistorische Kulturen hatten meist einen unterschiedlichen Formenbestand und anhand der Form eines Keramikgefäßes lassen sich ebenfalls Rückschlüsse auf die entsprechende Kultur ziehen.
In der Regel sind Oberflächenfunde, so wie Du sie gemacht hast, meist von kleinerer Größe. Aber im günstigen Fall haben sie dann vielleicht auch noch schwach erkennbare Verzierungen, die eine kulturelle Einordnung vorläufig ermöglichen.

Betrachtet man sich dann auch noch die Abbruchränder der Scherbe, kann man herausfinden, um was für eine Magerung es sich hier handelt. Die Magerung kann man erkennen, wenn man sich die Abbruchkanten ganz genau betrachtet. Hier sind bei prähistorischen Scherben sozusagen grobere "Stücke" erkennbar und gelegentlich sogar Einschlüsse von Pflanzenresten.
Sind diese Abbruchränder jedoch überwiegend von sehr heller Farbe und sieht der Abbruch relativ gleichmäßig aus, sind es Scherben neueren Datums.

Mit der Zeit bekommt man einen guten Blick für Keramikscherben und es fällt sehr leicht Alte von Neuen zu unterscheiden.

Keramikscherben, die während der Ausgrabung gefunden werden, lassen sich anhand der Fundumstände meistens gut zuordnen, wobei es auch hier zu Problemen kommen kann, wenn z.B. Gruben in prähistorischer Zeit mehrmals geöffnet wurden und sich Fundmaterial aus verschiedenen Epochen darin finden.

Solltest Du ein Foto von Deinen Funden haben, kannst Du es mir gerne schicken und ich kann Dir dann sagen, ob es alte oder neue Scherben sind.

Und hier noch ein kleines Foto mit prähistorischen Scherben, wie sie oft auch als Oberflächenfunde gemacht werden, damit Du ungefähr weist, wie solche aussehen.

Ich hoffe ich konnte Dir weiterhelfen. Und solltest Du noch Fragen haben, oder eine ausführlichere Antwort wünschen, kein Problem - einfach Schreiben.

Liebe Grüße
Gaggii


Nichts ist haltbarer als ein gut gegrabenes Loch!

zuletzt bearbeitet 05.08.2010 20:31 | nach oben springen

#3

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 05.08.2010 16:55
von Ein Gast
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Hallo Gaggi.

Eine wirklich umfassende Antwort. Danke das du Dir die Mühe gemacht hast, es etwas detailierte zu erklären.

Also eine Glasur haben die Scherben nicht. Aber farblich könnte das schon hinkommen, die wirken nicht so kräftig.
Irhendwie ausgeblichen. Verzierungen haben sie leider auch nich. Pflanzenreste scheinen auch nicht enzhalten zu sein.
Aber der Ton sieht so aus, alls waren ganz kleine Steinchen, oder nur Spilztter drin.
Leider sind sie auch nicht so groß, wie deie auf deinem Bild. Viel kleines Zeug, aber auch ein paar grössere um 5-9cm.
Ein paar sind aussen schwärzlich verfärbt. Für mich sieht das aus, als wenn die mal im Feuer gelegen haben könnten.
Ich nehme mal an, dass mit den vielen kleine Stücken daran liegt, das Der Bauer da früher mal was angepflanzt hatte
und dehalb auch pflügen musste. Aber gebrannt hat es da draußen nicht. Jedenfalls nicht das ich mich daran
erinnern kann..

.
Leider habe ich keinen Fotoapparta. Zumindest keinen digitalen, Nicht mal ein Fotohandy.

Jetzt habe ich gleich noch eine Frage: Was ist denn die [b][schwarz]Magerung[/schwarz][/b]?
Das du danach die groben Stücke im Ton erwähnt hast, nehme ich an, dass das etwas mit der Mischung zu tun hat.
Ist das so richtig?

Irgendwo habe ich mal gelesen, das es mit dem Töpfern eigentlich erst richtig losgegangen ist, als die Leute zu
Bauern wurden. Wie haben die denn Damals ihre Tüpfe gemacht, hatten die schon eine Töpferscheibe?

Viele Grüsse.
Bernd

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#4

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 05.08.2010 21:28
von gaggii • Administratorin | 162 Beiträge

Hallo Bernd,

freut mich, dass ich Dir ein bißchen weiterhelfen konnte.

Das es sich bei Deinen Scherben eher um kleine Stücke handelt, liegt sicher daran, dass die Wiese vorher für landwirtschaftliche Zwecke gedient hat. Funde die beim Pflügen von Äckern gemacht werden, sind in der Regel meist recht klein zerscherbt. Allerdings zeigen sie eben auch einen Fundplatz an. Weißt Du, ob bei Euch in der Gegen schon einmal Ausgrabungen stattgefunden haben? Sollte es in der Umgebung schon einmal Funde gegeben haben, ist es recht wahrscheinlich, dass sich unter der Wiese ein Fundplatz befinden könnte. Da Du Keramik gefunden hast, könnte es sich z.B. um einen Siedlungsplatz oder ein Gräberfeld handeln.
Bei Deinem zuständigen Landesamt für Denkmalpflege kannst Du Dich auch erkundigen, ob diese Stelle bereits als Fundplatz bekannt ist. Falls nicht, kannst Du ihn dort melden und wirst sogar als "Auffinder" vermerkt.

Was die schwarze Färbung an den Scherben angeht, dürften sie durchaus Hinweise darauf sein, dass diese Scherben einmal dem Feuer ausgesetzt waren. Hier könnte es sich dann vielleicht um einen ehemaligen Häuser- oder sogar Siedlungsbrand gehandelt haben. Aber auch bei Grabbeigaben können Brandspuren auftreten, da verschiedene Kulturen ihre Toten mitsamt der Grabbeigaben (zu denen meist auch Keramik gehörte) auf einem Scheiterhaufen verbrannt haben.
Und wie es meistens so ist, gäbe es für die Brandspuren auch noch eine simple Erklärung - nämlich den Einsatz der Keramik über einer Feuerstelle bei der Zubereitung von Nahrung.
Da die Scherben, die Du gefunden hast solch eine schwarze Färbung aufweisen, sie keine Glasur haben und verblichen wirken, kannst Du eigentlich davon ausgehen, dass sie prähistorisch sind.

Die Magerung ist eine Beimengung die dem Ton zugegeben wird. Meist handelte es sich hier um Sand, oder Getreidereste und auch einer Mischung von Beidem. Auch andere minerale Stoffe wurden für die Magerung verwendet. Das sind dann die kleineren oder auch größeren "glitzernden" Stücken, die man in den Abbruchkanten sehen kann. Die Magerung dient hauptsächlich dazu, die Keramik stabiler zu machen. Am Anfang der Keramikherstellung, wiesen die Gefäße eine eher grobe Magerung auf, doch je mehr sich die Techniken der Keramikherstellung verfeinerten, umso feiner wurde die Magerung und damit natürlich auch die Keramik selbst.

Die erste Keramik wurde schon vor dem Neolithikum, also der Zeit der ersten Ackerbauern und Viehzüchter hergestellt. Schon die mesolithische La-Hoguette Kultur (sie waren Jäger und Sammler) besaß eine sehr prägnante Keramik. Aber ab dem Neolithikum wurde die Technik der Keramikherstellung immer mehr verfeinert und es entstand ein unglaublich großer Formenbestand mit den verschiedensten Verzierungsstilen.

Die erste Keramik wurde nicht mit einer Drehscheibe hergestellt, was man auch gut an der etwas gröberen Gestaltung erkennen kann. Jedoch gab es auch Kulturen, denen es gelungen ist, auch ohne Drehscheibe eine recht feine Keramik herzustellen.

Und wenn Du noch weitere Fragen hast, freue ich mich, wenn ich sie Dir beantworten kann.

Liebe Grüße

Gaggii


Nichts ist haltbarer als ein gut gegrabenes Loch!

zuletzt bearbeitet 05.08.2010 23:05 | nach oben springen

#5

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 10.08.2010 17:36
von Ein Gast
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Hallo Gaggii.

Nochmal schönen Dank für die Antwort.

Also ob hier schon mal eine Ausgrabung war, kann ich nicht sagen. Vielleicht vor 1973, da bin ich geboren.

Die Beimischung von gröberem Material macht die Keramik also stabiler? Dann können die modernen Blumentöpfe ja nicht so gut sein, da ist nichts grobes drinnen.. Deshalb gehen sie wohl auch immer kaputt.[smile]
Hab eine kleine Scherbe mit einem Stückchen vom Boden gefunden, glaube ich. Sieht aus, als wenn die Wand auf den Boden
gesetzt wurde. Ist also wahrscheinlich nicht auf einer Scheibe hergestellt, oder?

Ich hab mich mal etwas genauer auf der Wiese umgesehen und dabei hellere Klumpen gefunden (sieht aus wie harter Lehm).
Einige haben Löcher, die sich durch den ganzen Klumpen ziehen. Weisst du, was das sein könnte? Wie Scherben sehen die jedenfalls nicht aus.

Und noch eine Frage: Woran kann man eigentlich erkennen, ob Feuerstein bearbeitet wurde?

Danke schonmal für Deine Antwort.
Viele Grüße
Bernd

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#6

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 10.08.2010 22:28
von gaggii • Administratorin | 162 Beiträge

Hallo Bernd!

Was die Magerung von heutiger Keramik (also die Blumentöpfe angeht, kann man nur sagen, dass sich die heutige Produktionsweise von der prähistorischen stark unterscheidet. Durch die industrielle Herstellung und die dafür verwendeten Materialien sieht man heute eigentlich nichts mehr von einer Magerung, so wie die prähistorischen Scherben sie aufweisen. Zum Glück für die Archäologie

Wenn es bei der wahrscheinlichen Bodenscherbe die Du gefunden hast, so aussieht als wäre der Wandbereich auf den Boden aufgesetzt worden, dann wurde sie auf keinen Fall mit einer Drehscheibe hergestellt und dürfte somit aus dem Früh- bis Mittelneolithikum stammen. Allerdings lässt sich dies nur unter Vorbehalt sagen, da ich die Scherbe für eine genauere Aussage sehen müsste. Ferndiagnosen ohne Abbildung sind in der Archäologie meist doch etwas problematisch.

Was die helleren Klumpen betrifft, ist eine Aussage nur sehr sehr schwer zu machen. Wenn die Klumpen eine sehr helle Farbe aufweisen und sich mit etwas Anstrengung zerbröseln lassen, könnte es sich um Mergel handeln. Dies scheint mir auch wahrscheinlich, wenn die Wiese früher einmal landwirtschaftlich genutzt wurde. Für eine genauere Aussage, müsste ich die Klumpen sehen. Die Löcher in den Klumpen würden sich dann auch durch Käfer, Würmer usw. erklären.

Und nun zu Deiner Frage nach der Bearbeitung von Flint (Feuerstein).
Über dieses Thema könnte ich vermutlich ganze Bücher schreiben, aber ich werde mich heute mal kurz fassen und versuche es anhand einiger Abbildungen zu erklären.

Im Großen und Ganzen ist es eigentlich recht einfach, ein Flintartefakt zu erkennen, obwohl sich selbst manche Archäologen dabei schwer tun.
Es gibt verschiedene Merkmale, an denen man eine Bearbeitung nachweisen kann (siehe Abbildung)



Ich denke, die Abbildung zeigt recht gut, nach welchen Bearbeitungsspuren man ausschau halten muss. Besonders anhand des Bulbus lässt sich eine menschliche Bearbeitung gut nachweisen. Der Bulbus entsteht beim Abschlagen und zeigt somit die Schlagrichtung, sowie die Schlagintensität an. Dies trifft auch auf die Wallnerlinien zu, die bei den vielen bearbeiteten Flintartefakten noch gut erkennbar sind.
Auch die Dorsalgrate sind meist gut erkennbar. Jedoch können auch natürliche Abbrüche manchmal wie ein Dorsalgrat aussehen. Hier müsste mann dann wieder nach dem Bulbus, den Wallnerlinien oder den Radialstrahlen suchen.
Anhand dieser Kurzbeschreibung, sollte man Flintartefakte eigentlich erkennen können, obwohl man dafür sicher auch etwas Übung braucht.

Ich stell mal noch ein paar Fotos mit rein, damit Du vielleicht eine bessere Vorstellung hast, als nur von der Zeichnung.


Eine Flintklinge - Dorsal- und Ventralseite


Ein Kernabschlag - dieser wird von der zubearbeitenden Flintknolle abgeschlagen und weist auf der Ventralseite eine glatte Oberfläche auf. Die glatte Oberfläche zeigt immer an, dass die entsprechende Seite von der "Innenseite" der Flitknolle stammt.


Eine Geschossspitze deren Bearbeitung vermutlich aufgrund des sehr brüchigen Flintmaterial abgebrochen wurde


So, ich hoffe, dass die Beschreibung halbwegs verständlich war und Du Flintartefakte nun erkennen kannst

Und wenn Du noch weitere Fragen hast - nur zu.

Viele Grüße
Gaggii


Nichts ist haltbarer als ein gut gegrabenes Loch!

zuletzt bearbeitet 29.08.2010 14:22 | nach oben springen

#7

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 21.08.2011 09:02
von Danee
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Hallo...!

Ich habe gestern diese Scherbe auf einem Acker gefunden, unter dem nachweislich ein Urnengrab aus der Urnenfelderzeit liegt. Könnte die Scherbe aus dieser Zeit stammen ?

GLG Danee

P.S.: ich kann das Foto hier nicht reinstellen, bitte senden Sie mir eine eMail an: danee@gmx.net
Ich schicke die Fotos dann per e-Mail. Vielen Dank !!!

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#8

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 21.08.2011 20:48
von gaggii • Administratorin | 162 Beiträge

Fotos kann man nur ins Forum stelen, wenn man sich registriert hat ;-)

Daher ist die email gleich unterwegs :-)


Nichts ist haltbarer als ein gut gegrabenes Loch!

zuletzt bearbeitet 21.08.2011 20:51 | nach oben springen

#9

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 25.08.2011 22:46
von kein Name angegeben • ( Gast )
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Hi Gagii,

Und was meinst Du zu den Fotos ?
Bin neugierig ! ;o)

GLG Danee

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#10

RE: Tonscherben alt oder neu?

in Fragen an den Archäologen 25.08.2011 23:03
von gaggii • Administratorin | 162 Beiträge

Hallo Danee,

ich hatte Dir vorhin eine Email betreff Deiner Scherbe geschickt.
Falls sie nicht angekommen ist, sag mir bitte bescheid.

Gruß
Gaggii


Nichts ist haltbarer als ein gut gegrabenes Loch!

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